Geschichte

Über die Anfangszeit der Gemeinschaft Hochelheim gibt es wenig Aufzeichnungen. Bei der Suche nach Daten wurden wir teilweise in Festschriften anderer Gemeinden und Vereine fündig, aber auch mündliche Überlieferung bzw. eigenes Erleben ist für weite Teile der Chronik die Grundlage. Es liegt auf der Hand, dass deshalb dieser Bericht bei aller Sorgfalt nur unvollkommen und zum Teil ausschnitthaft ausfallen kann.

Zwei Anliegen verfolgen wir mit der Zusammenstellung dieser Gemeinde-Chronik: Zum einen wollen wir zeigen, dass Gott durch einfache Leute hier am Ort gewirkt hat. Er hat dafür gesorgt, dass Menschen zum lebendigen Glauben an ihn und sein Wort gefunden haben. Diese haben sich dann zusammengetan – oder wurden vielmehr von Gott zusammengestellt – und so entstand im Laufe der Jahre die Gemeinschaft Hochelheim. Gleichzeitig wollen wir aber auch die Erinnerung an die Geschichte der Gemeinde wach halten. Damit werden der nachfolgenden Generation oder auch anderen von außen hinzukommenden Gemeindegliedern Einblicke ermöglicht, die die verschiedenen Prägungen einzelner Gemeindeglieder oder auch der ganzen Gemeinde nachvollziehbar machen. Nicht zuletzt wollen wir ganz im Sinne des Neuen Testaments „unserer Anführer gedenken”, um von ihnen zu lernen, um besonders auch „ihren Glauben nachzuahmen” (Hebr. 13, 7).

Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war in geistlicher Hinsicht eine karge Zeit. Der Rationalismus und die Aufklärung brauchten keinen Gott und so verflachte auch die biblische Verkündigung. In dieser Zeit jedoch, in den Jahren um 1830, war in Groß-Rechtenbach Pfarrer Lindenborn tätig, der als ein gewaltiger Bußprediger bezeichnet wird. Auf ihn gehen wohl die ersten Versammlungen außerhalb des sonntäglichen Gottesdienstes in Rechtenbach zurück. (…)

„Privatversammlungen” in Privathäusern wurden mit einer Staatsverordnung vom 10. Juni 1835 untersagt. So wurden fortan die Stunden (…) im Verborgenen abgehalten. Unter diesen Zwängen litt auch die Arbeit in Groß-Rechtenbach. Erst 1848 wurde dieser Erlass wieder aufgehoben. (…)

Die Wirren des Revolutionsjahres 1848 haben wohl auch in geistlicher Hinsicht Aufbruch und Neuanfänge gewirkt. Im August 1848 wurde in Wuppertal Barmen von Pfr. Feldner sowie 53 Pfarrern und anderen gläubigen Männern die „Evangelische Gesellschaft für Deutschland” (EG) gegründet mit dem Ziel: „Wir wollen Deutschland evangelisieren!”

Diese Ursprünge überliefert der Rechtenbacher Vorsteher Johannes Seipp in einer kurzen Notiz: Um diese Zeit hat der Rechtenbacher Pfarrer Lindenborn einmal in Wetzlar gepredigt. Nach der Predigt kommt ein Wetzlarer Spielmann (G. Heineke, d. Verf.) zu ihm und fragt, ob er niemand wisse, der den Herrn Jesum lieb habe. Da verweist Lindenborn denselben in das Wetzlarer Krankenhaus, wo eine gläubige Oberschwester und ein gläubiger Krankenpfleger aus Jöllenbeck, der Gemeinde des (…) Pastors Volkening, stationiert waren. Da haben sie gesungen und gebetet und Gottes Wort betrachtet. Der Spielmann kam zum lebendigen Glauben und wurde später der erste Kolporteur der Evangelischen Gesellschaft im Kreise Wetzlar.

Der um 1925 in Wetzlar tätige Stadtmissionar Julius Schmidt schreibt in seiner Chronik weiter: Man darf wohl diese schlichte Zusammenkunft der drei Genannten im Krankenhause als den Anfang der Wetzlarer Gemeinschaft ansehen.

Insgesamt muss davon ausgegangen werden, dass es in Wetzlar und den umliegenden Dörfern einige wenige Gläubige bzw. an der Bibel Interessierte gab, die allerdings „keine genügende Pflege und keinen rechten Verkehr miteinander” hatten. Dies änderte sich dann im Laufe der Zeit durch die Tätigkeit der bereits erwähnten „Kolporteure”. Diese waren in der Regel berufstätige Männer, die nach einer kurzen Einweisung und einem Bibelkurs als Hausmissionare von Ort zu Ort bzw. von Haus zu Haus zogen und christliche Literatur und Bibeln anboten. Die späteren hauptamtlichen ausgesandten Mitarbeiter der EG wurden „Boten” genannt. Diese hielten dann auch Versammlungen und Bibelstunden ab.

 

Im Jahre 1851 schon finden sich die ersten Spuren der Tätigkeit des ersten von der Gesellschaft entsandten Kolporteurs. In Wetzlar, Leun, Ehringshausen und Daubhausen entstanden bereits 1852 regelmäßige Versammlungen.

Johannes Seipp, Rechtenbach

Johannes Seipp, Rechtenbach

Als zweiter „Kolporteur” im Gebiet Wetzlar „folgte 1857 Bruder Lenz aus Hochelheim, und 1863 wurde Conrad Textor aus Leihgestern als Bote der Evangelischen Gesellschaft berufen, nachdem er schon etwa 10 Jahre nebenamtlich der Arbeit gedient hatte.” Aus dieser Bemerkung können wir schließen, dass die allerersten Anfänge der Hochelheimer Gemeinschaft in diese Zeit um 1850 zurückreichen. Gesichert ist auf jeden Fall, dass die Gemeinschaft um 1870 bereits bestand.

Wie den Berichten zu entnehmen ist, entstanden aus der Kolporteurstätigkeit in den Ortschaften kleine Bibelkreise, die sich in den Privathäusern versammelten. Man wollte die Bibel lesen und verstehen. Zu diesem Zweck hielt der „Bote”, so er anwesend war, eine Bibelstunde. War er nicht da, so las einer der Anwesenden eine gedruckte Predigt z. B. von Ludwig Hofacker oder einen Abschnitt aus christlichen Kernschriften wie beispielsweise „Arnds wahres Christentum”. In der Regel wurde dann das Gehörte gemeinsam besprochen

Johann Arnds Wahres Christentum

Johann Arnds Wahres Christentum

Wie wir aus mündlichen Überlieferungen wissen, fanden solche Versammlungen in der „Scheffe-Gass”, heutiges Haus von Bruno Werner, statt. Dort gab es wohl einen größeren Raum, der auch als Klassenraum von der Volksschule genutzt wurde. Die Großeltern von Gertrud Velten, geb. Weihrauch, waren die Eheleute Viehmann. In ihrem Haus „in Äwels” wurden diese Versammlungen dann fortgesetzt. Luise Zörb, die mit im Haushalt wohnende Schwester von Maria Viehmann, hielt dort auch viele Jahre Sonntagschule – ein großer Segen für viele Kinder des Dorfes. Das Haus wurde in den 50er Jahren durch einen Neubau ersetzt. Es ist das jetzige Anwesen der Familie Walter Velten.

Als die Zahl der Bibelstundenbesucher zunahm, versuchte man, dieser Versammlung auch eine äußerliche Ordnung zu geben. Da die Boten von der EG in Wuppertal gesandt waren, entschloss man sich im Jahre 1885, einen Zweigverein der EG zu gründen. Der genaue Gründungstag kann nicht mehr festgestellt werden. Nach dem Männer-Gesangverein „Frohsinn” (1882) ist somit die Gemeinschaft der zweitälteste Verein in Hochelheim.

Die Gemeinschaft Hochelheim gehörte von Anfang an zum Gemeinschaftsgebiet Rechtenbach. Auf dem Grundstück des dortigen Vereinshauses wurde auch ein Predigerhaus errichtet, in dem dann in der Folgezeit die anfangs noch „Boten” genannten Prediger wohnten.

 

Familie Viehmann mit Prediger Karl Trippler (im Hintergrund)

Familie Viehmann mit Prediger Karl Trippler (im Hintergrund)

Spätestens im Jahre 1895, vermutlich noch früher, war Karl Trippler aus Daaden (Westerwald) erster Prediger in Rechtenbach.Er, wie auch alle seine Nachfolger, war zuständig für mehrere Gemeinschaften. Dabei predigte er im Wechsel mit den örtlichen Brüdern. Wenn Laienbrüder die Bibelstunde hielten, so predigten sie oft im Dialekt. Dabei standen sie in der Regel nicht am Katheder, sondern an einem Tisch vor der Versammlung.

In dieser Zeit gab es wie in den Kirchen so auch in den häuslichen Versammlungen und später auch im „Vereinshaus” eine recht strenge Sitzordnung: in Hochelheim saßen vorne die Männer und hinten die Frauen. In anderen Orten gab es andere Sitten, z. B. rechts die Frauen und links die Männer. Erst um 1970 wurde diese Sitzordnung in der Gemeinschaft Hochelheim allmählich aufgegeben.

Neben den sonntäglichen Versammlungen hielten die Prediger auch in der Woche Bibelstunden und betreuten die entstehenden Jugendkreise. Aber auch seelsorgerliche Aufgaben wie Hausbesuche bei Alten, Kranken und Sterbenden gehörten zu ihren Aufgaben.

Bis heute ist es so, dass der Prediger für mehrere Gemeinden zuständig ist. Das starke ehrenamtliche Engagement der verschiedenen Mitarbeiter ist ein wesentlicher Bestandteil des Gemeindeverständnisses.

Erster Prediger in Rechtenbach: Karl Trippler mit Familie

Erster Prediger in Rechtenbach: Karl Trippler mit Familie

Obwohl die Gemeinschaft recht früh als Zweigverein der EG auftrat, hat es – zumindest im Vergleich mit anderen Ortschaften im Kreis Wetzlar – relativ lange gedauert, bis man sich zum Bau eines eigenen „Vereinshauses” entschließen konnte. „Im August 1880 konnte das Vereinshaus zu Großrechtenbach seiner Bestimmung übergeben werden. Ihm folgten weitere in Ehringshausen 1891, in Wetzlar 1894, in Reiskirchen 1898, in Niedergirmes 1900, in Asslar 1903, in Dutenhofen und Allendorf 1904, in Werdorf und Katzenfurt 1914, in Edingen 1922, in Laufdorf 1924, in Hochelheim 1927 …”.

Den Bauplatz „am Steinberg” (jetzt Ecke Langgönser Str. / Lindenstr.) hat Familie Hartmannshenn gespendet. Es war ein mit Obstbäumen bepflanztes Grundstück von ca. 800 m², wovon mindestens ein Baum noch lange Zeit stehen blieb, denn das Kassenbuch weist noch viele Jahre lang Einnahmen aus, die aus dem Verkauf von Obst herrührten. Die anderen Familien, die zumeist Landwirtschaft betrieben, haben jeweils ein Schwein gemästet und den Erlös für den Hausbau zur Verfügung gestellt.

Wie Maria Althen (geb. Hartmannshenn) berichtete, hatte ihre Familie zwei gleich große Ferkel gekauft. Eins, das für den Verkauf zu Gunsten des Vereinshauses bestimmt war, wurde sofort gekennzeichnet. Dieses Schwein hat sich dann in der Folgezeit wesentlich besser entwickelt als das andere, war demzufolge am Schlachttag deutlich schwerer und brachte somit mehr Geld. Es war für die Familie eindrücklich zu erkennen, dass Gott etwas aus dem machen kann, was wir ihm zur Verfügung stellen.

Familie Hartmannshenn

Die zum Bau notwendigen Steine wurden in der „Lehmekaut” (heute Waldstraße) von der Hochelheimer Baufirma Ludwig Schuster (selbst auch Gemeindemitglied) geformt und gebrannt. Der Rohbau wurde in Eigenleistung erstellt.

Die Zimmerarbeiten führte Johannes Schuster, der Onkel des späteren Zimmermeisters Heinrich Schuster, aus. Das Dach war ortsseitig mit Gauben versehen, die allerdings später aus statischen Gründen wieder abgebaut wurden.

Familie Ludwig Schuster

Später hingen an dieser Wand auch noch die Bilder mit Widmungen von im Krieg gefallenen Gemeindegliedern. Durch den späteren Einbau einer Lamellendecke ist das Wandgemälde vom Gemeindesaal aus nicht mehr sichtbar gewesen.

Gerade in der Zeit, die von Inflation und Arbeitslosigkeit geprägt war, war dieser Neubau eine herausragende Leistung, was auch im Dorf durchaus bewundernd zur Kenntnis genommen wurde.